virtuelles Firmenmuseum Zigarrenfabrik August Blase

Die Filialen und die Gewerkschaften

Ein Original-Aushang. Quelle Stadtarchiv Lübbecke
Typische Formen für die Heimarbeit
Quelle: Stadtarchiv Lübbecke
Auszug aus „Die Zigarrenmacher“ Dr. Rolf Momburg, 1996 Meyer Verlag Hüllhorst
Das ganze Buch finden Sie unter den „Downloads“

Zigarrenarbeiterbewegung am Beispiel des 
Minden-Ravensberger Landes in Ostwestfalen-Lippe 

Von Volker Knickmeyer (Freier Journalist) 

Die Zigarrenindustrie in Deutschland gehört zu den fast vergessenen Wirtschaftszweigen. Rauchverbote, werbliche Einschränkungen und ein insgesamt höheres Gesundheitsbewusstsein, haben der Tabakindustrie deutlich zugesetzt. Dabei gab es einmal tausende von Unternehmen in Deutschland, vom Kleinstbetrieb mit nur zwei oder drei Beschäftigten, die als reine Familienbetriebe fungierten bis hin zum Marktführer im Zigarrenbereich, der August Blase AG im westfälischen Lübbecke, welche Ende der 1930er Jahre über 6400 Beschäftige hatte. Von Blase und dem Kreis Minden-Lübbecke wird in diesem Bericht noch öfters die Rede sein.  

Tabak verarbeitende Betriebe lassen sich für die Stadt Lübbecke seit dem ausgehenden 17. Jahrhundert nachweisen. Die Mode des Rauchens war über Kaufleute, die Verbindung nach Holland hatten, im gehobenen Bürgertum eingeführt worden. Im Dreißigjährigen Krieg machten Offiziere und auch Soldaten das Rauchen publik. Im Raum Minden hatte die Zigarrenfabrik Leonhardi großen Zuwachs und stellte bis zu einer Million Zigarren täglich her. Doch im benachbarten Lübbecke setzte August Blase 1863 zum Überholen an.  

Lange ein Problem: Kinderarbeit 

Eng verbunden mit dem Tabak verarbeitenden Gewerbe ist die Kinderarbeit. Dem gewerbsmäßigem Broterwerb durch Kinder hatte man lange Zeit kaum Hindernisse in den Weg gelegt. Mit der aufkommenden Industrialisierung und der sich etablierenden Massengesellschaft wurde die Kinderarbeit in Europa zu einem gesellschaftlichen Problem. In den Fabriken und in der Heimarbeit  wurden Kinder als billige Arbeitskräfte ausgenutzt. Die ersten gesetzlichen Beschränkungen wurden in Preußen 1839 mit dem „Regulativ über die Beschäftigung jugendlicher Arbeiter in Fabriken“ erlassen. Die größten Missstände wurden so, nicht zuletzt auch auf Grund lokaler Vorschriften, beseitigt. Vor der Zigarrenindustrie waren viele Menschen in der Herstellung und Verarbeitung von Textilien und Garnen beschäftigt, auch da gab es schon das Problem der Kinderarbeit. Zunehmende Industrialisierung trieb die Arbeiter den aufkommenden Zigarrenbetrieben zu. Der Raum Ostwestfalen galt als Niedriglohnbereich, in den Hansestädten Bremen und Hamburg wurde besser bezahlt, im süddeutschen noch weniger als in Ostwestfalen.  

Die Zigarrenindustrie bot zwei Verdienstmöglichkeiten: Heim- und Fabrikarbeit. Die Bezahlung richtete sich nach dem Akkordprinzip. Insgesamt konnte man mehr als in der Landwirtschaft verdienen. Ein fortschreitender Mangel an Landarbeitern in den ländlichen Gebieten war die Folge. Hatten die „Heuerlinge“ noch im ausgehenden 19. Jahrhundert als Lohn- und Deputatarbeiter im Dienste eines Bauern ihren bescheidenen Lebensunterhalt verdienen können, so lockte jetzt die Industrie mit höheren Löhnen. Das Heuerlingswesen neigte sich dem Ende zu. Der Prozess wurde dadurch beschleunigt, dass Zigarrenfabrikanten Filialen in den Dörfern gründeten.  

Die Heimarbeit bot Familienangehörigen, alten und jungen, die Möglichkeit zur Mitarbeit. Trotz gesetzlicher Auflagen wurden bei der Heimarbeit Kinder beschäftigt. Der Tabak- und Küchendunst in den schlecht gelüfteten Häusern förderte Krankheiten wie die Tuberkulose. Nicht zuletzt deshalb entstanden um die Jahrhundertwende spezielle Kliniken in Ostwestfalen, auch für Kinder.  

In zahlreichen Ortschaften des Lübbecker Landes wurden Zigarren noch bis in die 1960er Jahre   in Heimarbeit gefertigt. Dafür stand das so genannte „Klavier“, ein Arbeitstisch, an dem die geformten „Wickel“ mit einem Deckblatt aus Übersee überrollt wurden. 1933 führten die Nazis auf Grund der hohen Arbeitslosigkeit das Maschinenverbot ein, so wurden zahlreiche Arbeitsplätze zunächst „gerettet“. 

Anfang des 20. Jahrhunderts gab es in den Zigarrenfabriken einen Aushang: 

5 Gebote für Heimarbeit 

  1. Macht Euch mit den tariflichen Regelungen vertraut! 
  1. Unterbietet nicht die tariflichen Mindestentgelte! 
  1. Zahlt euren Mitarbeitern die vorgeschriebenen Löhne – Entgelte! 
  1. Verlangt deutliche Entgeltaushänge in den Ausgaberäumen! 
  1. Nehmt keine Arbeit an, die nicht in den Entgeltbetrag  eingetragen ist; die Angabe des Stückentgeltes darf nicht fehlen! Nimm nicht mehr Arbeit an, als Du bei normaler Arbeitszeit bewältigen kannst; Dein Arbeitskollege will auch leben! Schone die Kinder! Alle behördlichen Maßnahmen dienen Deinem Schutz, vergiß das nicht. Lies einmal das Heimarbeitsgesetz 

Arbeitskämpfe und Gewerkschaften 

Die niedrigen Löhne in der Zigarrenindustrie ließen bei den Arbeitern verständlicherweise den Wunsch nach einer Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Lage aufkommen. Man begann deshalb schon früh, sich in Organisationen zusammenzuschließen, um seinen Wünschen und Forderungen mehr Nachdruck zu verleihen. So wurde schon im Revolutionsjahr 1848 in Berlin durch Wenzel Kohlweck die Association der Cigarrenarbeiter Deutschlands gegründet, und schon  auf deren zweitem Kongress  1849 in Leipzig waren die Arbeiter aus den ostwestfälischen Zigarrenhochburgen vertreten. Um Minden als Schwerpunkt hatten sich 1848/49 gleich in mehreren Orten Zweigvereine der Association gebildet. Sie alle wurden aber 1850/51 von der preußischen  Regierung wieder verboten. 

1865 gründete dann Friedrich Wilhelm Fritzsche von Leipzig aus eine neue Zigarrenarbeitergewerkschaft, den Allgemeinen Deutschen Cigarrenarbeiterverein (ADCAV) Dieser ältesten Gewerkschaft Deutschlands schloß sich alsbald eine größere Zahl von Zigarrenarbeitern aus dem heimischen Raume an. Der ADCAV hatte sich weniger den politischen Kampf als die Besserung der sozialen Lage seiner Mitglieder zum Ziel gesetzt, und dazu war man auch zum Streik bereit. Der vermutlich erste deutsche Zigarrenarbeiterstreik fand Ende 1869 in Lübbecke statt. Die organisierten Arbeiter erließen dazu folgenden Aufruf: 

Lübbecke, den 13. Dezember 1869 

Werte Kollegen! 
Da die Kollegen der Blaseschen Fabrik gegen alle Fabriken im Preisverhältnisse zurückstanden, so fühlten sich dieselben wiederholt veranlasst, Herrn Blase um eine Lohnerhöhung anzusprechen; derselbe gab aber jedesmal grobe abschlägige Antwort. Infolgedessen sahen wir uns genötigt, die Arbeit einzustellen. Es wurde in der Versammlung beschlossen, die Arbeit bei genannte Herrn einzustellen, bis er folgende Forderungen gewährt: 

  1. Ein Lohnerhöhung von 5 Silbergroschen 
  1. Wöchentlichen Lohnerhöhung 
  1. Sämtliche Abzüge für Tabak unterbleiben 

Es haben demzufolge 36 meist Verheirathe die Arbeit eingestellt. Collegen, rasche und nachhaltige Hülfe tut noth!  

Im Auftrage: Der Streikenden Comitee. Gelder sind zu senden an Louis Schmidt, Niederhorststr. 81 

Auch andernorts kam es in jeder Zeit zu vereinzelten Lohnbewegungen; sie hatten aber nur lokalen Charakter In den 80er Jahren spielte Friedrich Wilhelm Fritzsche, dessen Gewerkschaft inzwischen (1875) in den „Deutschen Tabakarbeiter-Verband“ (DTAV) umbenannt worden war, bei der Beilegung von Lohnauseinandersetzungen eine entscheidende Rolle. Schon der bloße Hinweis auf ihn und seine Gewerkschaft soll manchen Fabrikanten zum Nachgeben veranlasst haben.  

Aus dem Solidaritätsgedanken heraus kümmerte sich die Gewerkschaft auch um die Unterstützung der Zigarrenarbeiter im Krankheitsfalle und um die Hinterbliebenenfürsorge. Es gab ja noch kein Sozialversicherungsgesetz. Auf örtlicher Ebene wurden Kommissionen eingesetzt, die für eine Krankenkasse der Zigarrenarbeiter Statuten ausarbeiten sollten. Entsprechende  Initiativen führten z.B. 1872 in einem Ortsteil der Kreisstadt Lübbecke zur Gründung einer Kranken- und Sterbekasse.   

Die Leistungen der Mitglieder beliefen sich auf 5 Silbergroschen monatlich. Lehrlinge zahlten nur die Hälfte. Dafür gab es im Falle der Erkrankung die nötigen ärztlichen Hilfen und Medikamente sowie bei einer Erkrankung von über 3 Tagen (ohne Krankenhaus) für einen Zigarrenmacher 7 ½ und für einen Lehrling 5 Silbergroschen Verpflegungsgeld täglich. Bei einer Aufnahme im Krankenhaus wurde zwischen diesem und der Krankenkasse eine besondere Vereinbarung getroffen. Es ist anzunehmen, dass  – wie bei einer schon 1867 in Bünde/Westfalen gegründeten Krankenkasse Arbeitnehmer 2/3 und die Arbeitgeber 1/3 der Beiträge aufbrachten, denn im Vorstand der Lübbecker Kranken- und Sterbekasse saßen zwei Vertreter derr Zigarrenarbeiter und ein Vertreter der Fabrikanten. Das entscheidende Wort aber führte die Aufsichtsbehörde vor Ort. 

Der sozialdemokratisch orientierte DTAV hatte bei der konservativen Einstellung der ländlichen Bevölkerung lange Zeit große Schwierigkeiten, im heimischen Raum Wurzeln zu schlagen. 1910 zählte man in der Stadt Lübbecke erst 15 Mitglieder bei hunderten von Zigarrenarbeitern. Im Ortsteil Gehlenbeck dagegen, einer starken Bastion des Tabakarbeiterverbandes gehörten im gleichen Jahr bereits 100 Personen dieser Organisation an, kurze Zeit später schon über 200. In anderen Dörfern der Umgegend kam der 1899 von niederrheinischen Zigarrenarbeitern gegründete „Verband christlicher Tabak- und Zigarrenarbeiter“ besser voran.  

Die große Bewährungsprobe für die Gewerkschaftsbewegung kam im Jahre 1911. In der Arbeiterschaft der Zigarrenindustrie herrschte eine äußerst gereizte Stimmung, nachdem 1909 eine erneute Zollerhöhung wiederum zu Produktionseinschränkungen, Entlassungen, Kurzarbeit und Lohnsenkungen geführt hatte. Ein Streik lag in der Luft. Ausgelöst wurde er dann im Sommer 1911 durch Lohnforderungen in fünf lippischen Zigarrenfabriken, die keinen Erfolg hatten. Nachdem daraufhin die lippischen  Zigarrenarbeiter in den Ausstand getreten waren, dehnte sich der Streik über das gesamte ostwestfälische Gebiet aus. Selbst in Hamburg und Bremen gab es Solidaritätsstreiks. Die Gewerkschaften forderten bessere Löhne für neue Fassons, wöchentliche Zahlungen Herabsetzung der „Überzigarren“, Gewährung  von mehr und besseren „Rauchzigarren“ und vor allem das Aushängen von Lohntabellen für sämtliche Sorten. Die letztgenannte Forderung wurde vor dem Hintergrund gestellt, daß bisher die Löhne von den Fabrikanten nach den jeweiligen Gegebenheiten  bestimmt wurden und zwischen Stadt und Land große Lohnunterschiede bestanden. Der Westfälische Cigarrenfabrikanten-Verband (WCV) beschloß, keinerlei Lohnerhöhungen zuzulassen und kündigt die Verträge. Da die Arbeitgeber auch jetzt, wie seinerzeit die Kammer, die Forderungen als unbegründet ansahen, scheiterten  alle Vermittlungsversuche während der Kündigungsfrist, und am 14. Oktober 1911 erfolgte die Aussperrung  der organisierten Zigarrenarbeiter. Rund 9000 Arbeiter waren hierzulande davon betroffen und konnten in dieser Zeit keine Erwerbslosenunterstützung  beziehen. Allerdings blieben die Filialen von Unternehmen, die nicht dem Verband angehörten, von der Aussperrung ausgenommen, so daß sich z. B. in Hüllhorst von 33 Betrieben nur 12 am Arbeitskampf beteiligten.  

Die Landräte in Minden und Herford versuchten intensiv den Arbeitskampf beizulegen. Dies gelang schließlich im Januar 1912. Das Ergebnis war ein Kompromiß – jede Seite hatte nachgeben müssen. Der WCV empfahl seinen Mitgliedern, freiwillig in eine Revidierung der Löhne einzutreten mit dem Ergebnis, daß im Frühjahr 1912 in 147 Betrieben mit fast 9000 Beschäftigten die Löhne angehoben wurden. Das war der bisher größte Arbeitskampf der Zigarrenarbeiter.  

Einheitliche Manteltarife für das gesamte Reich gab es allerdings erst 1920, wobei für Westfalen noch einige regionale Zuschläge erfolgten. Während die Arbeitnehmer auch 1925 in Tarifverhandlungen noch weitere wesentliche Verbesserungen durchsetzen konnten, war Ende 1927 der Arbeitsfrieden schon wieder ernsthaft gestört. Am 1.12. 1927 schrieb die „Lübbecker Kreiszeitung“  

„Wir stehen nun mitten drin in dem Riesenlohnkampf der Tabakarbeiter. Und während das Friedensfest der Weihnacht näher und näher rückt, wächst der Haß und die Verbitterung in vielen tausend Herzen.“ 

Das bevorstehende Weihachtfest  trug dann aber wohl dazu bei, daß man sich über eine Lohnerhöhung von 12 % einigte und die Aussperrung von 120.000 Zigarrenarbeitern im Reich ein schnelles Ende fand. 

Ein Meilenstein für die Tarifpartner war dann nach all diesen Arbeitskämpfen die Einigung  über einen Reichstarifvertrag im Jahre 1932. In ihm wurde nunmehr flächendeckend der Lohn für 1000 Stück Zigarren nach Arbeitsart, Fasson, Gewicht und Länge festgelegt, wurden Erschweniszuschläge, Überstundenbezahlungen, Heimarbeit und Bezirkszuschläge geregelt, die Arbeitszeit auf 48 Stunden  pro Woche begrenzt und sechs bezahlte Feiertage vereinbart. Wenn auch viele Zigarrenmacher aus Sorge um ihren Arbeitsplatz weiterhin untertariflich arbeiteten, hatten die Gewerkschaften  doch mit dieser reichseinheitlichen Normierung ihr lange Zeit verfolgtes Ziel erreicht. 1933 wurden sie von den Nationalsozialisten verboten. 

Zusatzinfo: 

Die Gewerkschaft NGG entstammt kommt ursprünglich aus dem Zigarrenarbeiterbewegung. Der langjährige Vorsitzende der NGG im Bund, Günter Döding, war in jungen Jahren Mitarbeiter der August Blase AG. An der Bundesstraße 65 im Lübbecker Ortsteil Gehlenbeck steht ein Zigarrenmacher-Denkmal und eine Gedächtnisplatte an Günter Döding. 

Siehe Fotos.  

Quellenangaben: 

Stadtarchiv Lübbecke 

Dr. Rolf Momburg, „Die Zigarrenmacher“ Verlag Meyer, 1996 

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